News-Seiten: Leser:innen sollen eigene Daten zum Wucherpreis „zurückkaufen“

13 Aug 2021

News-Seiten: Leser:innen sollen eigene Daten zum Wucherpreis „zurückkaufen“

noyb legte heute Beschwerde gegen die Cookie-Paywalls von sieben großen Nachrichten-Websites ein: SPIEGEL.de, Zeit.de, heise.deFAZ.net, derStandard.at, krone.at und t-online.de. Immer mehr Webseiten stellen ihre Leser:innen vor die Wahl: Entweder der Datenweitergabe an mitunter hunderte Tracking-Unternehmen zustimmen (was den Seiten ein paar Cent bringt) oder ein Abo (für bis zu € 80 pro Jahr) abschließen - aber wie “freiwillig” ist eine Einwilligung, wenn man das 10-, 20- oder 100-fache des Marktpreises zahlen muss, um seine Daten zu behalten?

Personalisierte Werbung sichert Überleben? Medien finanzieren sich durch Werbung, Inserate, Abonnements, staatliche Unterstützungen oder Spenden. Auch online ist ein großer Teil der Werbung nicht personalisiert, genau wie bei Werbeeinschaltungen in Print-Produkten, im Radio oder Fernsehen. Während Medienhäuser mit direkt gebuchter und meist nicht personalisierter Werbung gutes Geld machen, werden die “Restplätze” auf den Webseiten an die Werbeindustrie für ein paar Cent verscherbelt. Die an sich wertvollen Nutzerdaten gehen dabei gleich mit auf die Reise zur Konkurrenz, die damit den größten Teil des Werbekuchens für sich behält.

Profit und Daten bleiben bei Google & Co. Laut einer Studie aus den USA bekommen Medien nur etwa 4% der Mehreinnahmen durch die Datenweitergabe. In den Niederlanden macht der öffentlich-rechtliche Rundfunk online mehr Geld mit nicht-personalisierter Werbung als durch die Datenweitergabe an Tracking-Konzerne.

Alan Dahi, Datenschutzjurist bei noyb.eu: “Viele Medienhäuser haben sich in eine toxische Abhängigkeit von großen Konzernen begeben. Sie verscherbeln die Daten und das Vertrauen ihrer Leser für ein paar Cent. Die großen Gewinne wandern trotzdem zu den großen Unternehmen der Werbeindustrie - genau wie die Daten.”

Leser:innen sollen Daten zum Wucherpreis “zurückkaufen”? Nur etwa 3% aller Nutzer:innen wollen der Auswertung ihrer Daten zustimmen. Ausgehend von derStandard.at in Österreich haben immer mehr Medien eine “Pay or Okay”-Lösung umgesetzt. Nutzer:innen können nicht (wie in der DSGVO vorgesehen) “frei” entscheiden ob sie einwilligen, sondern müssen ein Abo abschließen, wenn sie keine Einwilligung geben wollen.

Großer Aufwand und Kosten für User. "Nein" zu sagen ist nicht nur aufwändig (man muss seinen Namen, Anschrift und Kreditkartendaten preisgeben), Nutzer:innen müssen dafür auch tief in die Tasche greifen: Während die Datenweitergabe den Medienhäusern nur ein paar Cent pro Nutzer:in bringt, verlangen der SPIEGEL oder die FAZ aktuell je € 59,88 pro Jahr um Daten nicht weiterzureichen. Die ZEIT verlangt € 62,40, Der Standard gar € 84 pro Jahr für sein “PUR Abo” ohne Werbung.

Vergleicht man die aktuellen Umsätze von Medienhäusern mit diesen Preisen, zeigt sich das Ausmaß der Wucherei: Der SPIEGEL würde, wenn alle Nutzer:innen auf spiegel.de ein „PUR Abo“ abschließen würden, schon alleine damit einen Umsatz von etwa EUR 1,2 Milliarden machen. Tatsächlich kommt der SPIEGEL auf einen digitalen Erlös von ca. EUR 76,9 Millionen.

Alan Dahi, Datenschutzjurist bei noyb.eu: “Die Leute müssten mitunter das zehn-, zwanzig- oder hundertfache zahlen, damit ihre Daten nicht mehr weitergegeben würden. Man bekommt den Eindruck, dass es hier nicht um eine faire Alternative zur Einwilligung geht, sondern darum, teure Abos zu verkaufen.”

Die zunehmende Verbreitung dieser "Lösung" könnte auch auf einer Entscheidung der österreichischen Datenschutzbehörde aus dem Jahr 2019 beruhen, die in diesem "Pay-or-Okay"-System kein Verstoß gegen die DSGVO sieht. Allerdings wurde dieser Fall von einem Laien vor die Behörde gebracht und basiert auf faktisch falschen Annahmen. noyb ist entschlossen, diese Entscheidung zu revidieren.

Datenschutz Sache des Einkommens? Die meisten Nutzer:innen besuchen dutzende Nachrichtenseiten pro Monat, weshalb für sie substanzielle Kosten entstehen würden, um die Weitergabe ihrer Daten zu verhindern. Rechtlich gibt es keinen Sonderstatus für private Qualitätsmedien -  jede Webseite, von Kochrezepten bis hin zu öffentlich-rechtlichen Nachrichtenseiten, könnte mit “Pay or Okay” die Einwilligung erzwingen und damit die DSGVO umgehen.

Alan Dahi, Datenschutzjurist bei noyb.eu:: “Die meisten Leute besuchen viele verschiedene Webseiten im Monat. Wenn jede Seite 5 Euro verlangt, muss man schnell Spitzenverdiener sein, um sich Datenschutz noch leisten zu können. Mit einer freiwilligen Einwilligung hat das nichts mehr zu tun.”

Lösung liegt in datenschutzkonformer Werbung. Zeitungen und Zeitschriften suchen im digitalen Zeitalter nach Wegen in einer Welt zu überleben, in der “online” oft mit "kostenlos" gleichgesetzt wird. Auch noyb ist sich diesem Problem bewusst und sieht im täglichen Kontakt mit Journalist:innen wie die Lage für Qualitätsmedien immer prekärer wird. Wie es anders gehen kann, ist in der Medienbranche ein heißes Thema. Schmale Gewinne auf Kosten des Grundrechts auf Datenschutz der Leser:innen zu erzielen, kann wohl nicht die Lösung sein.

Alan Dahi, Datenschutzjurist bei noyb.eu: “Wir brauchen ordentlich finanzierte Medien. Es ist jedoch ein Trugschluss, dass die Finanzierung unbedingt durch das Verschleudern von Userdaten an Google und Co. passieren muss. Innovative Werbesystem, die Medienhäuser selbst betreiben und bei denen sowohl Daten als auch Gewinne bei den Qualitätsmedien bleiben, sind nicht nur rechtlich geboten, sondern wohl auch eine wirtschaftliche Überlebensfrage. Aktuell werden die ehemaligen Flaggschiffe der freien Presse zu Litfaßsäulen und Datensammler für die Werbeindustrie. Wir müssen wieder zu einem System kommen, wo der Leser der Werbung folgt, nicht die Werbung dem Leser.”