Europaweite Beschwerden gegen Clearview AI

26 Mai 2021

Europaweite Beschwerden gegen Gesichtserkennungsfirma Clearview AI

Heute haben noyb und weitere europäische Digital Rights Organisationen Beschwerden gegen die Massenüberwachung durch das Unternehmen Clearview AI eingereicht. Clearview AI ist auf Gesichtserkennungssoftware spezialisiert.

Beschwerden in fünf Ländern. Eine Allianz von Organisationen, darunter noyb, Privacy International (PI), Hermes Center und Homo Digitalis, hat eine Reihe von Beschwerden gegen Clearview AI, Inc. eingereicht. Das Unternehmen behauptet, "die größte bekannte Datenbank mit mehr als 3 Milliarden Gesichtsbildern" zu besitzen, die Bilder dafür stammen aus Social-Media-Konten und anderen Online-Quellen. Die Beschwerden wurden bei den Datenschutzbehörden in Frankreich, Österreich, Italien, Griechenland und dem Vereinigten Königreich eingereicht.

Die unehrlichen Praktiken von Clearview. Das Unternehmen erlangte im Januar 2020 allgemeine Bekanntheit, als eine Untersuchung durch die New York Times dessen Geschäftspraktiken offen legte. Zuvor hatte Clearview bewusst geheim gehandelt und ihr Produkt sowohl Strafverfolgungsbehörden in verschiedenen Ländern als auch privaten Unternehmen angeboten. Das Unternehmen verwendet einen automatisierten “Image Scraper”: dieses Tool durchsucht das Internet und sammelt alle Bilder, die es als menschliche Gesichter erkennt. Zusätzlich sammelt der Scraper auch die Metadaten der Bilder wie z. B. den Bild- oder Webseitentitel, die Geolokalisierung und den Quelllink. Sowohl die Bilder als auch die zugehörigen Metadaten werden auf den Servern von Clearview auf unbestimmte Zeit gespeichert.

"Die europäischen Datenschutzgesetze sind sehr klar, wenn es um die Zwecke geht, für die Unternehmen unsere Daten verwenden dürfen. Unsere einzigartigen Gesichtsmerkmale zu extrahieren oder sie sogar mit der Polizei und anderen Unternehmen zu teilen, geht weit über das hinaus, was wir als Online-Nutzer jemals erwarten könnten". - Ioannis Kouvakas, Rechtsreferent bei PI

Clearview beschäftigt die Behörden. Die fünf Beschwerden sind nur ein Teil von mehreren Untersuchungen, die im Zuge der Enthüllungen im letzten Jahr und der vergangenen Intervention von noyb in einem Fall vor der Hamburger Datenschutzbehörde eingeleitet wurden. Derzeit untersuchen sowohl die britischen als auch die italienischen Aufsichtsbehörden die Praktiken des Unternehmens. Clearview hat Berichten zufolge auch Verträge mit Strafverfolgungsbehörden in Europa geschlossen. In Griechenland hat die Polizei auf eine Anfrage von Homo Digitalis hin eine Zusammenarbeit mit dem Unternehmen dementiert. Letzten Monat hat die italienische Datenschutzbehörde den Polizeikräften den Einsatz von Echtzeit-Gesichtserkennung untersagt.

"Die Behörden haben starke Ermittlungsbefugnisse und müssen die Kontrolle in dieser Angelegenheit erhöhen. Wir brauchen eine koordinierte Reaktion auf solche öffentlich-privaten Partnerschaften. " - Marina Zacharopoulou, Rechtsanwältin und Mitglied von Homo Digitalis.

"Technologien zur Gesichtserkennung bedrohen unser Online- und Offline-Leben. Indem sie heimlich unsere biometrischen Daten sammeln, ermöglichen diese Technologien eine ständige Überwachung. "- Fabio Pietrosanti, Präsident des Hermes Center.

Gesichtserkennung als Problem. Der Einsatz dieser Technologien ist eine Gefahr für moderne Gesellschaften und die Freiheit des Einzelnen.

"Nur weil etwas online ist, ist es nicht automatisch Freiwild, das sich andere auf beliebige Weise aneignen können – das ist weder moralisch noch rechtlich zulässig. Die Datenschutzbehörden müssen aktiv werden und Clearview und ähnliche Organisationen daran hindern, die persönlichen Daten von EU-Bürgern abzugreifen. "Alan Dahi, Datenschutzjurist bei noyb.

Nächste Schritte. Die Regulierungsbehörden haben nun 3 Monate Zeit, um eine erste Antwort auf die Beschwerden zu geben. Wir erwarten eine gemeinsame Entscheidung, dass die Praktiken von Clearview in Europa keinen Platz haben. Einzelpersonen können bei Clearview nachfragen, ob ihr Gesicht in der Datenbank ist und verlangen, dass ihre biometrischen Daten nicht mehr in die Suchvorgänge der Kund:innen des Unternehmens einbezogen werden.