"Pay or Okay" bei derStandard.at?

17 Sep 2019

Gastkommentar von Max Schrems in 'Der Standard' (einer österreichischen Zeitung) zur Abonnementart 'PUR-Abo' von DerStandard.at

 'Möchten Sie etwas mehr Privatsphäre? - Dann musst du € 6 pro Monat bezahlen'

Von Wien über Berlin bis Brüssel reagierten viele Experten und Anwälte ungläubig auf eine Entscheidung der Datenschutzbehörde (DSB) in dieser Woche. ' Grundrechte bezahlen oder aufgeben' ist nicht genau das, was die neue GDPR mit 'freiwilliger' Zustimmung meinte. Denn es ist "Der Standard", der sich so verhält, verletzt mich besonders.' Testtext jetzt dabei.

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Freiwillige Zustimmung?

Was ist passiert? Mit der Einführung der GDPR sollten die Nutzer eine freiwillige Wahl zwischen "ja oder nein" für die Datenverarbeitung erhalten. Denn Zustimmung ist nichts anderes als der freiwillige Verzicht auf das Grundrecht auf Privatsphäre

Es ist schwierig für die Branche, da Cookie-Banner auf Hunderten von Websites täglich angezeigt werden. Dort haben Sie oft nur die Möglichkeit, auf "Ja" zu klicken. Anstelle von "ja oder nein" bietet "Der Standard" eine (recht kreative) Option "ja oder € 6". Ein Nutzer hat bei der Aufsichtsbehörde ("DSB") eine Beschwerde eingereicht.

Werbung ≠ Targeting ≠ Data Sharing

Werbung ist für jeden gleich (z.B. im Druck). Wenn eine Personalisierung absolut notwendig wäre, wäre das werbegestützte Fernsehen bereits weg. Der Standard" bietet Unternehmen auch die Möglichkeit, ungezielte Online-Werbung zu schalten.

Even Targeting hat viele datenschutzfreundliche Varianten - wie z.B. Geographie, Zeit oder Kontext (Autowerbung auf der Autoseite).

Personalisierte Werbung (oft durch Datenaustausch mit Hunderten von externen Targeting-Firmen) ist nur eine Unterkategorie des Targeting, was die Verschwendung weiter reduziert und den Gewinn erhöht. Angesichts der extremen Inflation der Werbepreise ist selbst das fraglich ('Race to the Bottom').

Wirtschaftsseite

Nach einer naiven Einschätzung der Situation muss "Der Standard" etwa 30 bis 90 Cent pro Online-Nutzer und Monat einnehmen. So verlangt die Zeitung für die werbefreie Version das 6 bis 20-fache mehr Geld. Die Verweigerung der Zustimmung ist daher extrem teuer und sogar zivilrechtlich anhängig (laesio enormis). Noch geringer ist die Summe, wenn man nicht die gesamte Werbung berechnet, sondern nur die Umsatzsteigerung durch Personalisierung der Werbung.

Alternativen?

Das DSB bezieht sich weiter auf die "Freiwilligkeit", da Menschen andere Medien nutzen könnten ("take it or leave it"). In der Praxis ist dies illusorisch, da fast alle Online-Medienplattformen Daten an genau die gleichen Unternehmen (z.B. Google) weitergeben, die Menschen exklusive Geschichten lesen wollen und in Zeiten von Twitter und Facebook den Medienanbieter wechseln

Media tritt in die Bresche für 'Pay or Okay'?

Politiker, Behörden und Verbraucherschützer zögern, sich in den Medien zu engagieren. Es besteht auch Konsens darüber, dass qualitative Medien besser finanziert werden müssen. Allerdings könnten die Medien für viele fragwürdige Unternehmen in die Bresche springen. Wenn "pay or okay" vorherrscht, gilt dies für alle

Jedes Unternehmen könnte "Datentransfer oder Zahlen" einführen. Das hier 'Möchten Sie etwas mehr Privatsphäre? - Dann werden es 6 € pro Monat sein", könnte vom Mobilfunkvertrag bis zum Zugticket möglich sein. Folglich werden Menschen, die gerade nicht im Lotto gewonnen haben, wahrscheinlich ihre Grundrechte "freiwillig" immer wieder abgeben.

Die Ebene der Rechtsprechung wird sich entscheiden müssen
 

Link zum Kommentar auf derStandard.at (aus Platzgründen leicht verkürzt und nur auf Deutsch)

 

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